Wir verwerfen die falsche Lehre – Christen im Widerstand

Vortrag zum 20. Juli 2014

Kleines Schloss Blankenburg

Zum 70. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler kehrt für uns die immer neu zu stellende Frage zurück: Wann ist die Zeit da, dass Menschen aufstehen und den Mächtigen Widerstand leisten. Und vor allem: In welcher Form?

Dietrich Bonhoeffer hat 1933, als er merkte, dass die Nationalsozialisten ihre Judenfeindlichkeit in Judenverfolgung umwandelten, geschrieben: Wir dürfen „nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden, sondern (müssen) dem Rad selbst in die Speichen fallen“.

Die Widerstandsgruppe um Graf Staufenberg ist am 20. Juli 1944 zur Tat geschritten, um dem Rad der Geschichte in die Speichen zu fallen: Hitler töten, bevor er weiter Menschen tötet – und wie viele sind allein zwischen Juli 44 und Mai 45 – dem Ende des Krieges – gestorben: im Kampf, im Bombenhagel, in Konzentrationslagern, auf der Flucht?!

Ich möchte Ihnen in gebotener Kürze 3 Schlaglichter zur Frage des Widerstandes im 3. Reich aus christlicher und kirchlicher Sicht nennen:

  1. Wie sehen Christen den Tyrannenmord?

  2. Dietrich Bonhoeffer im Widerstand

  3. Kirchenkampf in Blankenburg – Heinrich Lachmund

  1. Christen und Tyrannenmord

Brutus und Cassius ermorden Julius Caesar – und werden von Cicero für ihre heroische Tat gefeiert. Den Tyrannen zu töten, gilt den Römern als nicht unmoralisch, im Gegenteil. Bei den alten Griechen oder Römern gilt dieses als ehrenwert.

Für die Christen ist die Lage schon anders. Die Bibel beleuchtet das Thema von mindestens 3 Seiten:

  • das 5. Gebot lautet: „Du sollst nicht töten“ – Grundlage auch unserer Gesellschaftsordnung. Jeder hat das Recht auf Unversehrtheit an Leib und Seele. Die Vereinten Nationen haben sich die Einhaltung der Menschenrechte als Aufgabe gestellt: Keiner hat das Recht, dem anderen das Leben zu nehmen. Ein zutiefst pazifistischer Ansatz, der immer wieder in Diktaturen in Frage gestellt wird: Wie begegnen wir den Mächtigen, die sich nicht an Spielregeln halten wollen? Welches Druckmittel ist angemessen?

  • Im Neuen Testament fordert Paulus die Christen auf: „Jedermann sei Untertan der Obrichkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott“ (Röm 13,1) Martin Luther setzt sich schon mit dieser Frage auseinander, indem er die „Freiheit des Christenmenschen“ definieren will. Wir sind Untertan, aber der Glaube macht freie Menschen, die – wenn überhaupt – nur Gott untertan sind („Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch alles andere zufallen“). Die Obrigkeit anerkennen – und die Freiheit leben; ein Spagat, manchmal ein Widerspruch, der sich in konkreten politischen Situationen äußerte und noch heute äußert. Die Freiheit des Christenmenschen macht noch lange keinen aktiven Kämpfer gegen Diktatur und Tyrannei. Die Worte des Paulus hatten eine enorme Wirkungsgeschichte. Viele christliche Herrscher nahmen für sich in Anspruch, dass Gott selbst ihnen die Macht verliehen hätte – eine fatale Rechtfertigung zahlloser Untaten auch der Geschichte unseres Landes.

  • Das alte Testament rühmt in höchsten Tönen Judit, die hübsche Frau aus Israel, die sich beim Oberbefehlshaber der assyrischen Streitkräfte, die Israel bedrohten, eingeschlichen hat. Sie wird die Geliebte von Oberst Holofernes, macht ihn betrunken und schneidet ihm den Kopf ab. Das beendet zumindest vorübergehend den Krieg. Erst wird ihre große Frömmigkeit beschrieben, dann die höchst raffiniert geplante Tat.

Es bleibt dabei: Es gibt kein endgültiges Entweder-Oder. Kaum haben wir uns für das eine entschieden, kommen berechtigte Zweifel. Die Bilder von jubelnden Amerikanern nach der Blitzaktion und Tötung von Asama Bin Laden hinterlassen bei mir das ungute Gefühl, dass mit dieser Methode Recht und Gerechtigkeit kein großer Gefallen getan worden ist.

  1. Dietrich Bonhoeffer im Widerstand

Der Theologe Bonhoeffer wurde am 5. April1943 wegen „Wehrkraftzersetzung“ inhaftiert – er war in den Kriegsjahren seiner Einberufung zum Militärdienst nicht nachgekommen – eine fadenscheinige Begründung. Bonhoeffer hatte seit 38 für Admiral Canaris im Bereich des Abwehrdienstes gearbeitet. Sein Schwager Hans von Dohnanyi war dort tätig und eine wichtige Vermittlerperson. Durch seine guten Kontakte nach England – 33-34 war er in London Pfarrer – und die ökumenischen Verbindungen reiste er nach Schweden, Dänemark, Schweiz und andere Länder. Seine internationalen Kontakte dienten der Gruppe, die eine Ablösung Hitlers vorbereiteten.

Im März 43 war bereits ein Attentat geplant, dass aber scheiterte, weil Hitler nicht zur geplanten Zeit am richtigen Ort war. Erst nach dem Attentatsversuch vom 20. Juli 44 wurde Bonhoeffer als Mitverschwörer eingestuft. Am 5. April 45 hat Hitler bei der Mittagsbesprechung den Vernichtungsbefehl für alle Attentäter gegeben. Am 8. April wurde er nach Flossenbürg gebracht und am 9. April 45 mit Canaris, Oster und anderen hingerichtet. Sein Schwager Hans von Dohnanyi wurde am gleichen Tag in Sachsenhausen getötet wie 14 Tage später der Bruder Klaus Bonhoeffer, Rüder Schleicher und andere in Berlin.

Bonhoeffer ist den Weg vom Mann der Bekennenden Kirche 1933-35, der für die christliche Lehre gegen die Nationalsozialisten kämpft, zum Mann des aktiven Widerstandes mit Attentatsplänen gegangen.

Er war immer gut informiert. Egal, wo er lebte, er wollte immer Zugang zu internationalen Stimmen haben – Radio London, aber besonders das Gespräch mit Partnern im Aus- und Inland. 1939 ging er den Schritt weiter: von der inhaltlichen und ideologischen Auseinandersetzung mit dem Regiem zur konkreten Bekämpfung. Er erkannte, dass die bürgerliche Klasse, zu der er mit seiner Familie und dem Freundeskreis in Berlin gehörte, den Aufstieg des Nationalsozialismus nicht verhindert, ja sogar befördert hatte. Aus diesem Verantwortungsgefühl heraus sah er seine Pflicht, politisch zu handeln – eben dem Rad selbst in die Speichen zu fallen, auch wenn es das eigene Leben kosten würde.

Bonhoeffer war ein Kämpfer für die Freiheit. Durch seinen Glauben war er zutiefst davon überzeugt: Durch Christus sind wir zur Freiheit berufen – also setzen wir uns ein, wenn Freiheit gefährdet ist – auch wenn ich dafür leiden muss.

Seine Entschlossenheit, auch die Bereitschaft zu leiden, bringt er in einem Gedicht zum Ausdruck:

Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,

nicht im Möglichen schweben, sondern das Wirkliche tapfer ergreifen,

nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.

Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens

nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,

und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen.

  1. Kirchenkampf in Blankenburg – Pfarrer Heinrich Lachmund

Heinrich Lachmund, Jahrgang 1875, war Pfarrer in Riddagshausen, Braunlage und ab 1927 in Blankenburg. Von 27-41 war er Mitherausgeber der Zeitschrift „Ruf und Rüstung“ – Braunschweiger Blätter zum kirchlichen Aufbau im Geiste Luthers“.

Der so genannte „Kirchenkampf“ entbrannte auch in Blankenburg mit der Stärkung der nationalsozialistisch geprägten „Deutschen Christen“. Am 30. November 1933 kommt es bei einer Pfarrerversammlung in Braunschweig zum Eklat. 42 Pfarrer verlassen unter Protest den Saal – darunter auch der Blankenburger Heinrich Lachmund. Es wird eine Regionalgruppe des Pfarrernotbundes – die Organisationsform der Bekennenden Kirche, gegründet – und Lachmund wird Vorsitzender. Die Auseinandersetzungen spalten die Blankenburger in 2 Lager: Die Bekenntnisleute treffen sich eher in der Lutherkirche im Georgenhof, die Deutschen Christen mehr in Bartholomäus. Im Januar 1934, also vor 80 Jahren, liest Lachmund im Gottesdienst eine Erklärung der Bekennenden Kirche vor, mit der er dem von Hitler eingesetzten Reichsbischof Müller die Gefolgschaft verweigert. Noch am gleichen Tag wird Lachmund vom Dienst suspendiert. Mai 34: Barmer Erklärung

Näheres über das Verfahren gegen ihn und über andere Persönlichkeiten in Blankenburg wird beim Bartholomäusabend am 24. August bei einer Veranstaltung in der Bergkirche berichtet.

Soviel soll heute gesagt werden:

Mit dem neuen Bischof Johnson wird ab 1935 eine versöhnlichere Linie gefahren. Dieser setzt sich für Lachmund ein , so dass ab 35 er wieder als Pfarrer in Blankenburg tätig sein kann.

Wir wissen, dass Lachmund sich bis 45 immer wieder für suspendierte Pfarrer der Bekennenden Kirche und deren Familien eingesetzt hat – nicht zuletzt materiell, da diese oft ohne jede Mittel dastanden. (BK-Pfarrer gaben 10 % jeden Monat)

Von einem echten politischen Widerstand in den Kriegsjahren kann aber nicht die Rede sein. Viele Pfarrer der BK hatten Redeverbot – auch mein Vater. Die BK gründete eine eigene Pfarrerausbildung – die „Kirchlichen Hochschulen“. Sie wurden zumeist bereits am Tag ihrer Gründung verboten und arbeiteten im Untergrund weiter. 1941 wurde z.B. in Berlin der gesamte Prüfungsausschuss der BK in Altpreußen verhaftet und der Prozess gemacht. Die führenden Persönlichkeiten wie Niemöller wurden verhaftet, alle jüngeren Pfarrer zum Militärdienst einberufen. Von den 300 jüngeren Pfarrern im Rheinland waren 270 im Feld. Bonhoeffer leitete das Predigerseminar in Finkenwalde. Von den 150 Absolventen sind 80 gefallen. 1941 kam die kirchliche Presse und Schriftenmission praktisch zum erliegen, da die Papierzuteilung eingestellt wurde.

Nur ganz mühsam war eine innere Struktur der BK aufrecht zu erhalten. Von einem organisierten Widerstand kann nicht die Rede sei.

Im Stuttgarter Schuldbekenntnis nach dem Krieg (19. Okt. 1945) bekennt die Kirche:

das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Bonhoeffer schreibt am Ende seines Lebens:

Ich erinnere mich eines Gespräches, das ich vor 13 Jahren in Amerika mit

einem französischen jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden ( – und ich halte für möglich, dass er es geworden ist – ); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen. … Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zu Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann (eine sogenannte priesterliche Gestalt), einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder Gesunden – und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und

Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, – dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, (dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist metanoia) und so wird man ein Mensch, ein Christ.“